Unser Fazit zur Heim-WM 2019

Unser Fazit zur Heim-WM 2019

Sie wollten nach Hamburg! – Sie waren in Hamburg! Sportlich gesehen muss man daher sagen: Ziel erreicht. Auch wenn es zum Schluss nicht ganz gereicht hat, lässt sich festhalten, dass das Team uns alle begeistert hat. Deutschland ist zurück in der Weltspitze! – Was wir aus der grade vergangenen WM mitnehmen? Dafür ziehen wir heute unser Fazit. 

Deutschland ist Handball

Über 900.000 Zuschauer – Zuschauerrekord! Die Handball-WM ein riesiger Erfolg. Nicht nur die Zuschauerzahlen in den Hallen sprechen für sich – nein – auch die TV-Resonanz war groß. So schauten fast 12 Millionen Menschen das Halbfinale der deutschen Mannschaft Zuhause vor den TV-Bildschirmen. Das mitreißende Spiel der Deutschen hat die Handball-Euphorie wieder entfacht. “Erst haben sich die Handballer für die WM interessiert, dann die Sportler – und jetzt sprechen alle darüber”, so DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Der Handballsport ist wieder in aller Munde. Nicht nur an den Spielorten der Deutschen herrschte großartige Stimmung. Auch die Ränge in München – wo kein Spiel mit deutscher Beteiligung ausgetragen wurde – waren gut gefüllt, genauso wie bei allen anderen Spielen in Köln oder Berlin. Dadurch, dass das Turnier allerdings auf Deutschland und Dänemark aufgeteilt war, herrschte innerhalb der Vor- und Hauptrunde eher das Gefühl von zwei parallel laufenden Turnieren und nicht von einem Gemeinsamen. Doch auch das handballverrückte, dänische Publikum hat die Hallen in den beiden dänischen Spielorten Herning und Kopenhagen zu wahrhaftigen Hexenkesseln gemacht. 

Weiter, immer weiter…

Doch trägt diese Euphorie auch nachhaltige Früchte? Resultiert ein Mehrwert für die Handballvereine? Denn es ist nicht das erste Mal, dass Handballbegeisterung in Deutschland herrscht. Auch nach den Titelgewinnen 2007 (WM) und 2016 (EM) gab er vermehrt Neuanmeldungen in den Handball-Vereinen. Aber was wird daraus? Schnell war der Handballsport aus den Köpfen der Deutschen verschwunden – bis zum nächsten Großereignis. Der Handball “funktionierte” auch weiterhin nur in den Bundesliga-Hochburgen – aber nicht im ganzen Land. Doch wird es dieses Mal anders sein? Wird dieses Mal der Handball im Gedächtnis der Menschen bleiben? Angesichts des bevorstehenden Etappenziels, der Olympia-Teilnahme 2020 in Tokyo, und mit der Heim-EM 2024 vor Augen, ist es durchaus vorstellbar, dass der Aufschwung bleibt. Vor allem, da die TV-Rechte für alle Großereignisse bis 2025 in der Hand der Öffentlich-Rechtlichen liegen – und somit der Handball im Fernsehen auch der breiten Masse – zumindest auf Länderspielebene – zugänglich bleibt. Ob das alles dazu beiträgt, bleibt allerdings abzuwarten.

Ein Team, das begeistert 

Die unnötige Niederlage im Spiel um Platz 3 ist natürlich allen noch im Gedächtnis, doch insgesamt hat die deutsche Mannschaft in allen Belangen überzeugt. Nach einem Turnier kann man immer sagen, dass mehr drin gewesen wäre – aber mal ehrlich: Das mutig formulierte Ziel “Halbfinale” wurde erreicht. Bei der Leistungsdichte der Weltspitze ist dies durchaus beachtenswert, schließlich hatte man den Weltmeister von 2016, Frankreich, am Rande einer Niederlage und den amtierenden Europameister Spanien hat man beeindruckend geschlagen. Hätte man vor dem Turnier gesagt, dass Deutschland den vierten Platz erreicht, hätten alle das gerne angenommen! Klar ist die Enttäuschung groß, da man gesehen hat, dass deutlich mehr drin gewesen wäre, aber das sollte die erbrachte Leistung keinesfalls schmälern. Denn es hat “alles gestimmt, bis auf das Endergebnis”, weiß auch Bundestrainer Christian Prokop. Seine Mannschaft hat alle überzeugt und eine beachtliche Team-Leistung gebracht, die Lust – und vor allem Hoffnung – auf mehr macht. 

Leistungsträger, wie Uwe Gensheimer oder Fabian Wiede, haben über das ganze Turnier gesehen abgeliefert. Das Abwehr-Duo Pekeler/Wiencek hat ebenfalls überzeugt. Junge Spieler, wie Franz Semper oder Tim Suton, konnten ihre ersten internationalen Erfahrungen im Nationalmannschaftstrikot machen. Und Spielmacher Martin Strobel hat bis zu seiner schweren Verletzung allen Kritikern bewiesen, dass man als Zweitligaspieler nicht automatisch zweite Wahl sein muss. 

Es ist leider nicht alles Gold, was glänzt… 

Als großen Verlierer des deutschen Teams muss man wohl Tobias Reichmann betiteln. Seine Nicht-Nominierung war ein großes Thema und viele hätten ihn gern im deutschen WM-Team gesehen. Aber durch seine Reise nach Orlando zu Beginn des Turniers – versehen mit dem Hashtag #sorrynotsorry – hat er sich alle Sympathien verspielt. Dass ihm diese Trotzreaktion seine Nachnominierung gekostet hat, ist gut möglich, da auf Grund der schwankenden Leistungen von Patrick Groetzki durchaus Bedarf auf der Rechtsaußen-Position gewesen wäre. Wer solch eine Reaktion auf solch eine knappe Entscheidung im digitalen Zeitalter so Publik macht, der hat den “Charakter-Test nicht bestanden”, so ARD-Experte Alexander Bommes. 

Fader Beigeschmack

Aufreger gehören natürlich zu jedem Großereignis dazu. Ein ganz großes Thema während dieser WM war wieder einmal die hohe Belastung der Spieler. So spielte die deutsche Mannschaft innerhalb der Vorrunde zum Beispiel 3 Spiele innerhalb von 4 Tagen. Noch schlimmer traf es hingegen die Isländer. Sie mussten innerhalb von 5 Tagen viermal spielen und hatten zudem noch die lange Reise von München nach Köln in den Knochen. Für die Spieler – die ohnehin schon in ihren Ligen den hohen Belastungen des internationalen Spielkalenders ausgesetzt sind – eine ziemliche Zumutung. Der DHB zeigte nach dem Turnier bereits eine Reaktion und gab zu, dass es sinnvoll gewesen wäre das Turnier über zwei weitere Tage zu strecken, sodass den Teams mehr Ruhetage zur Verfügung gestanden hätten. Auch die IHF kündigte an, bei zukünftigen Turnieren auf mehr spielfreie Tage zu achten, ob dies allerdings bei einer aufgestockten WM – denn Fakt ist ab 2021 spielen 32 statt 24 Teams um den Titel – überhaupt möglich ist, bleibt abzuwarten. 

Weitere Aufreger der WM waren mit Sicherheit die extravaganten Pullover von DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Seine Designer-Klamotten zogen sich wie ein roter Faden durch das ganze Turnier. Immer wieder wusste er mit neuen Outfits aufzufallen. Gerade zu Beginn der Veranstaltung musste der Füchse-Manager ordentlich Kritik für seinen etwas übertriebenen Geschmack einstecken. 

Nein, auch die Schiedsrichter kommen beim Thema Aufreger nicht zu kurz. So war die oft kleinliche, teils unverständliche Linie einiger Schiedsrichterpaarungen oftmals ein großes Thema. Keine Frage – Spielerschutz und Gesundheitsvorsorge sind wichtig, aber die Unterbindung der – für den Handball – typischen Härte und Zweikämpfe war dann doch deutlich übertrieben. Zumal fast alle Spieler aus Ihren Ligen eine andere – nicht unterbundene – Härte gewohnt sind. 

Was wirklich bleibt

Kurz und knackig zusammengefasst, in zwei, drei Sätzen festgehalten – was bleibt wirklich hängen? 
Es bleibt eine euphorisierende Heim-WM im Gedächtnis, die über die eigenen sportlichen Grenzen hinweg breiten Zuspruch aus allen Bereichen bekommen hat – egal ob Polit-Prominenz, Fußball-Bundesliga-Trainer oder der Nachbar von nebenan – es konnte jeder begeistert werden. Und auch wenn bunte Pullis und Instagram-Urlaubsbilder als kleine Störfeuer am Wegesrand aufflackerten, konnten Christian Prokop und die deutsche Nationalmannschaft zeigen, dass sie mehr als eine solche sind… dass sie viel mehr ein richtiges TEAM sind und als solches wieder mit der Creme de la Creme des Welthandballs mithalten können. Was wirklich bleibt, ist ein gutes Gefühl, nicht sorgenlos, aber deutlich sorgenfreier in die Wettkämpfe der nahen Zukunft gehen zu können, und dass Handball einfach der geilste Sport der Welt ist. 

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